Reisen bildet … so heißt es immer. Ich habe gerade wieder die Erfahrung gemacht, dass auch das Lesen bildet.
Derzeit befinde ich mich in einer Krimi-Lesephase. Das ist bei mir so, wie in meiner Familie das Bananen essen:
Wochenlang kann ich gar nicht so viele Banenen heranschleppen, wie bei uns vertilgt werden. Irgendwann ist der Anfall vorbei und die letzten 3 , die übrig sind, schwärzeln vor sich hin, wie bei einem chemischen Versuch.
Ähnlich ist mein Leseverhalten. Gerade verschlinge ich am laufenden Band Krimis.
Dabei bin ich auch auf die Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolf gestoßen. Besonders gefesselt hat mich “Ostfriesenblut”.
In diesem Buch habe ich zum ersten Mal den Begriff “schwarze Pädagogik” gelesen, der war mir bisher völlig unbekannt.
Beim Lesen und bei meiner weiteren Recherche wurde mir immer klarer, dass auch ich in meiner Kindheit in den Genuß so einer Erziehung gekommen bin. Es war vielleicht nicht ganz so hart, wie das, was ich darüber gelesen habe, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich, wie fast alle Kinder, meine Eltern lieb habe und sie deshalb nicht als die “bösen, gewalttätigen” Eltern sehen will.
Tatsache ist jedenfalls, dass es für mich, als kleines Mädchen schon ordentlich Prügel gegeben hat, wenn ich was verbrochen hatte. Später, als ich älter wurde, bestand meine Strafe in Nichtbeachtung und wochenlangem Schweigen, besonders von Seiten meiner Mutter.
In meiner Erinnerung hat sich mein Vater immer irgendwie aus der Affaire gezogen, indem er einfach nicht anwesend war.
Ich glaube, das nehme ich ihm heute noch übel.
Meine Eltern waren sehr stolz auf ihre adretten und wohlerzogenen Mädchen, die wie kleine Äffchen überall präsentiert wurden.
Wenn andere Kinder mal laut und lebhaft waren, dann hieß es immer: ” Das haben wir unseren aber eingebläut, wie sie sich zu benehmen haben.” Oder auch: “Unsere kriegen das ausgetrieben.”
Das sind Begriffe, die meine Mutter auch heute noch im Wortschatz hat und bei denen sich mir heute immer noch die Nackenhaare sträuben, wenn ich sie höre. Ich denke, meine Mutter kann noch nicht einmal was dafür, weil sie selber bei den Diakonissen im Internat erzogen wurde. Nach ihren Schilderungen waren deren Methoden nicht gerade zimperlich.
Das Resultat meiner Erziehung, und das habe ich erst viel später begriffen, war, dass ich eigentlich gar keinen eigenen Willen hatte. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass man mich jemals um meine Meinung zu bestimmten Dingen/Sachverhalten gefragt hätte, geschweige denn, wie ich mich in bestimmten Situationen fühle, ob es mir gut geht.
Es wäre nie in Frage gekommen, dass ich einen Wutanfall hätte bekommen dürfen. Man hatte sich zusammenzureißen.
Dadurch war ich natürlich ein pflegeleichtes Kind, das immer schön brav in der Spur gelaufen ist, das sich nie gehen ließ und stets nett und freundlich zu jedermann war.
„Unter der ‚Schwarzen Pädagogik‘ verstehe ich eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen.“
– A. Miller: Evas Erwachen, 2001
Das gab es - nicht in allen Punkten, aber in vielen - zu kapieren:
- dass aus Pflichtgefühl Liebe wird
- dass man den Hass mit Verboten aufheben kann
- dass Eltern von vornherein, einfach weil sie Eltern sind, Achtung verdienen
- dass Kindern eine solche Achtung von vornherein nicht entgegengebracht werden muss
- dass Gehorsam stark macht
- dass eine hohes Selbstwertgefühl schädlich ist
- dass dagegen eine niedrige Selbsteinschätzung menschenfreundlich macht
- dass Zärtlichkeiten verweichlichen und schädlich sind
- dass es richtig ist, auf kindliche Bedürfnisse nicht einzugehen
- dass Härte und emotionale Kälte ausgezeichnet aufs Leben vorbereiten
- dass vorgespielte Dankbarkeit besser ist als ehrliche Undankbarkeit
- dass das, was man tut, wichtiger ist, als das, was man ist
- dass die Eltern und Gott keine Kränkungen aushalten können
- dass der Körper etwas Schmutziges und Ekelhaftes darstellt
- dass heftige Gefühle schaden
- dass die Eltern rundum triebfrei und Wesen ohne jede Schuld sind
- dass Eltern immer Recht habenQuelle:http://www.teachsam.de/paed/paed_allg_konz_5_1.htm
Allerdings hat diese Erziehung auch zur Folge, dass ich lange Jahre überhaupt nicht wußte wer ich denn eigentlich bin und was ich will.
Bis heute passiert es mir immer wieder wieder, dass ich mich selber dazu auffordern muß zu fragen:
was will ICH denn eigentlich, wie geht es mir jetzt oder in bestimmten Situationen?
Ich muß wirklich gestehen, dass mir das immer noch sehr, sehr schwer fällt.
Auch bin ich nicht sicher, in wieweit das die Erziehung meiner eigenen Kinder beeinflußt hat.
Gut, ich stehe mit beiden Beinen mitten im Leben und ich weiß, die Vergangenheit ist vorbei, ich kann mich nicht an meiner Kindheit hochziehen und will mit dem HIER und JETZT leben.
Es erstaunt und beschäftigt mich aber sehr, wie bestimmte Texte mir Sachverhalte, die ich längst vergessen geglaubt, wieder an die Oberfläche holen und wie sie mich über Tageund Nächte beschäftigen.
Jetzt, während ich das hier aufschreibe, bin ich sicher, ich werde mit meinem Geschwistern darüber sprechen. Mal Hören, wie die das sehen. Sie sind alle drei jünger als ich und haben vielleicht eine andere Ansicht dazu.
Schwere Kost am Mittwoch ….
http://www.welt.de/kultur/history/article13879978/Ordnung-und-Fleiss-wurden-uns-eingepruegelt.html
http://www.wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2012/0412/thema_1.jsp